„Am Kräutergarten“

Mieter fühlen sich diskriminiert

+
Nur die Apfelbäume erinnern an die einst blühende Pracht des Kräutergartens.

Dachau - Anwohner beklagen sich über den Ruf der Gegend „Am Kräutergarten“

„Wenn die Apfelbäume blühen, ist es wunderschön am Kräutergarten“, so schön hat ihn eine der langjährigen Anwohner in Erinnerung. Kornfelder, blühende Blumenbeete und Obstbäume, wohin das Auge reicht, beeindruckten sie schon als kleines Mädchen. Damals ist sie dort hin gezogen und blieb bis heute. Ihre Kinder sind in diesem Viertel aufgewachsen und wohnen immernoch Am Kräutergarten. Die unmenschlichen Bedingungen, unter denen KZ-Häftlinge zwischen 1938 und 1945 dort ein blühendes Paradies geschaffen haben, um das Deutsche Reich mit Heilkräutern und Gewürzen zu versorgen, ist allen bekannt. Es ist jedoch nicht die schreckliche Geschichte des Kräutergartens, sondern der schlechte Ruf des Viertels, der den Anwohnern Sorge bereitet. Vier Dachauer Familien wohnen Am Kräutergarten 2 und 4 seit Mitte der 60er Jahre, zahlen ordentlich ihre Miete an die Stadt und fühlen sich zu Hause. Doch seitdem 1977 dort Obdachlosenunterkünfte entstanden sind, werde der Kräutergarten sofort mit „assozial“ in Verbindung gebracht, bedauern die Bewohner. „Wir werden alleine schon wegen der Adresse diskriminiert. Deshalb bekommen wir beispielsweise nicht mal eine Brille ohne Anzahlung repariert“, berichtet eine Anwohnerin. Mit dem schlechten Ruf geht auch der miserable Zustand der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude einher. In dem ehemaligen Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude stehen heute 36 Einheiten für Obdachlose, zwölf Zimmer für Asylsuchende und vier Mietwohnungen zur Verfügung. Die Wohnanlage wirkt ungepflegt und verkommen: Der Putz blättert ab, die Risse in der Fassade sind notdürftig zugespachtelt. Dabei gibt es seitens der KZ-Gedenkstätte die Vorstellung, dort ein Fortbildungs- und Studienzentrum einzurichten sowie eine Dauerausstellung zur Geschichte des Kräutergartens zu eröffnen, bestätigte Andrea Riedle, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung. Bereits 2012 fand eine Tagung zur Rekonstruktion, Sanierung und Umgestaltung des Areals statt. Doch bis heute vegetiert das Gelände vor sich hin. Die Anwohner wünschen, der Kräutergarten sollte aufgewertet und besser behandelt werden.

yug

Quelle: Dachauer Rundschau

Auch interessant:

Meistgelesen

Jeder sollte Demenz Partner sein
Jeder sollte Demenz Partner sein
Gedenkfeier zur Pogromnacht mit Zeitzeuge
Gedenkfeier zur Pogromnacht mit Zeitzeuge
Autoarmes Wohnen
Autoarmes Wohnen
Neuer Infostand direkt am „Laufstrom“
Neuer Infostand direkt am „Laufstrom“

Kommentare